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9. Juni 2010 - Kleine Zeitung

Vom Denken und vom Frisieren

Umzingelt von lauter Genies - und alle männlich! Aber wo sind eigentlich die Frauen in der Kunst?
Eine Tagung in Graz geht jener Frage nach, die seit Männergedenken scheinbar keine ist.

Wenn Männer sich mit ihrem Kopf beschäftigen, nennt man das Denken. Wenn Frauen das Gleiche tun, heißt das Frisieren." So ironisch befundete die italienische Schauspielerin Anna Magnani die klitzekleinen Gender-Unterschiede ihrer Zeit. Magnani starb 1973. Zwei Jahre zuvor hatte eine Amerikanerin den Pioniertext der feministischen Kunstgeschichte geschrieben. „Why have there been no great woman artists?", fragte Linda Nochlin in ihrem Essay. „Es gibt keine bedeutenden Künstlerinnen - so wenig, wie es Eskimotennisspieler oder litauische Jazzpianisten gibt", antwortete sie selbst keck. Im Ernst und im Wesentlichen erklärte Nochlin das Phänomen aus dem romantischen Glauben an ein (männliches) Konstrukt: das des „künstlerischen (männlichen) Genies".

Lächerlichkeit „Wo sind all die Frauen?", fragte kürzlich auch Jerry Saltz im „New York Magazine". Laut dem Kritiker stammen etwa im Museum of Modern Art in Manhattan weniger als fünf Prozent aller Arbeiten von Künstlerinnen. Anderswo sei es kaum besser. Die Zeitschrift „monopol" erkennt in solchen Zahlen „die fast lächerliche Unverwüstlichkeit des Geniekonzepts, wenn man bedenkt,was in den 40 Jahren seit Erscheinen von Nochlins hellsichtigem Text Neues über den Menschen, seinen Geist, seine Gehirnstrukturen, seine innere Chemie herausgefunden wurde". Verklärung Nochlin selbst sieht das Ungleichgewich heute nüchterner und auch nicht mehr so eklatant.

Die 68er-Bewegung hätte die Lage damals übrigens ganz und gar nicht so verbessert wie im verklärten Rückblick angenommen. „Gegenüber Frauen hieß es zu der Zeit einfach: Mach die Beine breit oder kleb' die Briefmarke auf den Umschlag!", sagte die 79-Jährige einmal in der FAZ. Wer allein an die Kommunen- Idee eines Otto Muehl denkt, dessen Werk ab Freitag zu seinem 85er in einer umstrittenen Ausstellung im Wiener Leopold-Museum gezeigt wird, muss Nochlin recht geben: Der Traum von der Freiheit und Gleichheit mündete (nicht nur) bei Muehl in ein faschistoides Privat-Patriarchat, wie es auch das Dritte Reich hätte erfinden können, wo Kunst von Frauen übrigens wahlweise verboten oder verbrannt wurde. Kunst war für die jüngst verstorbene Malerin und Bildhauerin Louise Bourgeois immer „ein Versuch der Befreiung, welche man niemals erreicht".

Anlässlich ihrer Ausstellung 2005 in der KunsthalleWien sagte die in NewYork beheimatete Französin: „Ich bin eine einsame Läuferin, aber eine Langstreckenläuferin", und meinte damitwohl auch ihren anstrengenden Ausnahmestatus in der Männerdomäne - jene Ausnahme, die Nochlin für „witzlos hält, weil Gleichheit ja hieße, Künstlerinnen ebenso als Regel zu akzeptieren wie Künstler". Minderheiten.

Auch für Marlene Streeruwitz, die morgen (10 Uhr) im Grazer Mumuth die Eröffnungsrede zur Tagung „kultura" hält, „entscheidet Geschlecht weiterhin über das Leben. Wir dachten in den 60ern und 70ern, in der Übernahme der Selbstverantwortung könnten Frauen sich in den Besitz der Grundrechte bringen, aber Frauen sind in allen Kulturen weiterhin strukturelle Minderheiten, einmal minderer, ein andermal nur minder." Das bestätigt auch eine Studie von Edith Almhofer, die bei „kultura" als Diskussionspapier dient. Nach dieser sind Frauen im männerbestimmten Kulturbetrieb in der Steiermark „als Künstlerinnen und Entscheidungsträgerinnen bis auf Ausnahmen unsichtbar bzw. nicht vorhanden".
Zu schwieriger Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder geringerem Selbstbewusstsein kommen immer noch starke Vorurteile gegenüber den künstlerischen Qualitäten. Hartes Fazit, auch aus anderen Sparten nur zu gut bekannt: „Zuerst das Geschlecht, dann die Leistung."

kultura

„Die heimische Kulturszene ist stark von Frauen geprägt", sagt Landesrätin Bettina Vollath.
Bis Freitag präsentiert „kultura" in Graz Ausstellungen, Lesungen, Diskussionen und überprüft die soziale und wirtschaftliche Situation der Künstlerinnen. Regisseurin SI.SI. Klocker (Foto) spricht heute (20 Uhr, Rechbauerkino) über ihren Film „Die Frau, die Arbeit, die Kunst und das Geld".

Details:  Externe Verknüpfung kulturservice.steiermark.at

KK
 
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